Archiv des Schlagwortes ‘Braunkohle’

IG BCE: Es reicht!

Dienstag, den 21. April 2015

Der Arbeiter erinnert an ein sozialistisches Propagandabild, die Sonne im Hintergrund an das Emblem des kommunistischen Jugendverbandes FDJ, der „Freien Deutschen Jugend“: Bundesweit wird derzeit mit einem Aufruf zur Demo am kommenden Wochenende in Berlin getrommelt.

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Will die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie etwa in die DDR zurück?

Es geht um die Braunkohle. In der DDR galt das Motto „Braunkohle um jeden Preis“. Tatsächlich sind wir wieder auf dem Niveau der DDR gelandet: Im Jahr 2013 wurde hierzulande erstmals wieder so viel Braunkohle verbrannt wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Und weil damit in den vergangenen Jahren auch wieder der Treibhausgas-Ausstoß zunahm, sah sich die Bundesregierung zum Handeln gezwungen: Schließlich hatte sie beschlossen, die Emissionen bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken – heute sind aber erst knapp 27 Prozent geschafft.

Deshalb hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) einen „nationalen Klimabeitrag“ vorgeschlagen, der die uneffektivsten Altkraftwerke unwirtschaftlich machen soll. Dagegen wollen sich die Kohlekumpel „wehren“.

Im Demo-Aufruf heißt es:

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Liebe IG BCE: ES REICHT!

Erstens will niemand in der Bundesregierung einen „kurzfristigen“ Kohleausstieg. Zweitens hat der Bundesverband Braunkohle, eure Braunkohle-Lobby-Organisation, die ja wohl kaum untertreibt, wenn es um die Wirtschaftskraft der Braunkohle geht, soeben eine Statistik über die Beschäftigten veröffentlicht. Demnach waren Ende Februar in der Branche 21.089 Menschen beschäftigt.

Selbst wenn man wirklich alleallealle mitzählt, die irgendwie am Braunkohletopf mit dranhängen – also auch die zuliefernden Bäcker an die Werkskantinen – kommen nicht einmal annähernd 100.000 Arbeitsplätze zusammen. NICHT MIT UNS: Wer mit solchen Lügenzahlen zu mobilisieren versucht, der hat keine guten, keine vernünftigen Argumente!

Gern würden wir als sozial und demokratisch eingestellte Menschen gemeinsam mit euch darüber nachdenken, wie man den Betroffenen die Sorgen über ihre Zukunft nehmen kann. Aber mit Lügnern kann man nicht diskutieren. Um in Eurem Sprachduktus zu bleiben: ES REICHT!


PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im ersten Halbjahr 2015 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Bsirske: Sich dämlich rechnen

Montag, den 13. April 2015

Deutschland droht nun doch noch eine schwere Wirtschaftskrise, und zwar eine hausgemachte. Der oberste Gewerkschafter des Landes wird dieser Tage nicht müde, vor dem drohenden Untergang zu warnen. Die Rheinische Post titelt beispielsweise:

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Es geht um den Klimaschutz: Die Bundesregierung hatte beschlossen, bis zum Jahr 2020 den Treibhausgas-Ausstoß um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Weil bis heute aber erst knapp 27 Prozent geschafft sind und keine fünf Jahre Zeit mehr bleiben, hatte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) im Dezember einen „Klimaschutz-Aktionsplan“ auf den Weg gebracht. Stromkonzerne sollen nach diesem Plan bis 2020 mindestens 22 Millionen Tonnen Kohlendioxid jährlich einsparen

Um dies umzusetzen, hatte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (auch SPD) ein „Eckpunkte-Papier Strommarkt“ vorgestellt. Darin ist ein „nationaler Klimabeitrag“ vorgesehen, quasi ein Kohlekraft-Deckel, der die uneffektivsten Altkraftwerke unwirtschaftlich machen würde. Das veranlasste auch so seriöse Zeitungen wie die Süddeutsche zu den 100.000-Jobs-Schlagzeilen:

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Aber stimmt das denn? Werden tatsächlich 100.000 Menschen in den vier deutschen Braunkohlegebieten arbeitslos, wenn einige der ältesten und unrentabelsten Kraftwerke abgeschaltet werden?

Natürlich nicht: Die Zahl ist glatt gelogen! Der Bundesverband Braunkohle, eine Lobby-Organisation, die immer wieder im Fokus des Klima-Lügendetektors stand, hat soeben eine Statistik über die Beschäftigten veröffentlicht:

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21.089 Beschäftigte gab es also Ende Februar in der Braunkohle, der Verband rechnet die Zahlen eher hoch als runter. Man beachte die Fußnoten: Lediglich 5.430 dieser Beschäftigten sind in den Kraftwerken beschäftigt. Eine Faustregel der Braunkohlewirtschaft besagt, dass solch ein „Industrie-Arbeitsplatz“ bis zu 1,3 Dienstleistungsarbeitsplätze in der Kantine oder bei Zulieferern nach sich zieht. Selbst wenn man sofort komplett aus der Braunkohle aussteigen würde, wären also allenfalls 50.000 Arbeitsplätze in Gefahr. Aber das will Gabriel ja gar nicht, nur einige der Altkraftwerke sollen möglicherweise schließen.

Wie kommt der Gewerkschafter Bsirske also auf 100.000 Arbeitsplätze? Zur Beantwortung hilft vielleicht ein Blick in die Geschäftsunterlagen des RWE-Konzerns. Dort ist unter dem Punkt „Höhe der Vergütung des Aufsichtsrats“ Folgendes zu lesen:

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Während es dem RWE-Konzern schlecht geht und schon ganz ohne Klimabeitrag oder Kohleausstieg tausende Kohlekumpel entlassen werden, hat RWE-Aufsichtsrat Frank Bsirske gerade eine Gehaltserhöhung um 23.000 Euro auf 200.000 Euro erhalten. Nicht, dass der Verdi-Boss das dringend nötig hätte, der Gewerkschafter verdient für seinen Vorsitzenden-Job zurzeit schon 175.500 Euro im Jahr. Aber ungerechtfertigt ist die Steigerung von Bsirskes Aufsichtsratssalär nun auch wieder nicht! „Gute Arbeit muss sich lohnen“, lautet eine alte Verdi-Forderung. Und 100.000 Arbeitsplätze – für RWE ist solch ein Krawallschlagen natürlich „gute Arbeit“!

PS: Zur Vollständigkeit sei erwähnt, dass Frank Bsirske einen Großteil seiner Aufsichtsratsgelder an die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung abführt. Bsirske behält lediglich 50.900 Euro zusätzlich zu seinem Verdi-Gehalt selbst.


SPD: Den Parteichef verprügeln

Mittwoch, den 25. März 2015

Die SPD hat heute in ihrem Stammland Nordrhein-Westfalen eine „Erklärung der SPD-Landtagsfraktion zum ‚Eckpunktepapier Strommarkt‘“ veröffentlicht. „Einstimmig“, wie es aus Fraktionskreisen heißt. Darin lesen wir:

Hää?? Die SPD-Landtagsfraktion fordert die SPD-geführte Landesregierung auf, sich bei einer Bundesregierung mit SPD-Beteiligung „weiterhin“ für Klimaschutz und diese anderen Dinge einzusetzen? Was ist denn nun passiert?

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) – gleichzeitig SPD-Parteichef – hatte am Freitag ein „Eckpunkte-Papier Strommarkt“ vorgestellt. Darin ist ein „nationaler Klimabeitrag“ vorgesehen, quasi ein Kohlekraft-Deckel, der die uneffektivsten Altkraftwerke unwirtschaftlich machen würde. Die SPD hatte ja beschlossen, bis zum Jahr 2020 den Treibhausgas-Ausstoß um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Weil bis heute aber erst 25 Prozent geschafft sind und nur noch fünf Jahre bleiben, hat Bundesumweltministerin Barbara Hendricks – auch SPD – im Dezember einen „Klimaschutz-Aktionsplan“ auf den Weg gebracht. Stromkonzerne sollen nach diesem Plan bis 2020 mindestens 22 Millionen Tonnen Kohlendioxid jährlich einsparen

Parteichef Gabriel hat nun also mit seinem Klimabeitrag das Instrumentarium für diesen Weg geliefert. Und was passiert? Die Genossen prügeln auf ihn ein.

Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke (selbstredend: SPD) wirft seinem Parteichef ideologische Verblendung vor:

Sachsens SPD-Parteichef und Wirtschaftsminister Martin Dulig findet seinen Parteichef orientierungslos:

Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (auch SPD), will Gabriel bremsen:

Norbert Römer, Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion, erklärt:

Wir hätten noch den Landtagsabgeordneten Rainer Thiel, der „an der Seite der Menschen im Rheinischen Revier“ steht. Oder den Bundestagsabgeordneten Ulrich Freese, für den es „5 vor 12″ ist.

Oder, oder, oder!

Ein wahrer Shitstorm ist über SPD-Parteichef Sigmar Gabriel hereingebrochen – aus der SPD.

Dazu vier Anmerkungen aus unserer Redaktion:

Erstens: Braunkohle ist der mit Abstand klimaschädlichste Energieträger, Rohbraunkohle besteht zu 55 Prozent aus Wasser, zu fünf Prozent aus nicht brennbaren Bestandteilen und zu 40 Prozent aus Kohle. Deutschland ist der mit Abstand weltgrößte Braunkohleförderer, 17 Prozent aller Braunkohle auf der Welt wurden 2012 zwischen Neiße und Rur gefördert – Tendenz in den letzten Jahren steigend. Nebenbei ist Deutschland auch noch mit Abstand der weltgrößte Stromexporteur – wir können Braunkohlekraftwerke abschalten, ohne dass die Versorgungssicherheit irgend einen Schaden nähme.

Zweitens: Die SPD-Altvorderen erklärten vor Jahren, dass der Strukturwandel in den Kohlerevieren bevorsteht. Unmittelbar. Sozusagen morgen. 1991 war das zum Beispiel der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD), der versprochen hatte, dass Horno jetzt echt und ganz wirklich das letzte Dorf auf deutschem Boden sei, das einem Tagebau weichen muss. Weil nämlich Schluss sein muss mit der Braunkohle. Ihr – liebe SPD – aber macht immer so weiter. Unmittelbar. Ein neuer Tagebau hier, ein neues Kraftwerk dort – was kümmert euch der Strukturwandel! Abstruserweise geht ein Großteil der Gewinne aus der Braunkohle über den Staatskonzern Vattenfall nach Schweden – und demnächst vielleicht nach Tschechien, weil dort der Ausstieg aus der Braunkohle längst beschlossen ist.

Drittens: Just heute ist vorgerechnet worden, dass die von euch – liebe SPD – beschlossenen Klimaziele überhaupt nur zu erreichen sein werden, wenn allein im Rheinischen Revier zwischen 1,4 und 2,5 Milliarden Tonnen Braunkohle im Untergrund bleiben. Gefördert werden darf also maximal noch ein Drittel. Das bedeutet: Ihr müsst viel radikaler ran an die Braunkohle, als euer Parteichef es vorschlägt. Zumindest wenn euch eure Klima-Beschlüsse aus der Vergangenheit auch morgen noch etwas wert sind. 

Deshalb solltet ihr euch – viertens – an euer ureigenstes Motto erinnern:

Jedenfalls wollen wir, die Wähler – zumindest 26 Prozent davon – das ihr nicht so daherkrakeelt. Wir haben für euch die entsprechende Passage auf Seite 35 noch einmal angestrichen:

Das Wort „Braunkohle“ kommt übrigens auf den ganzen 120 Seiten des SPD-“Regierungsprogramms“ nicht ein einziges Mal vor. Dafür aber der Hinweis, was die SPD zum Erfolg führen wird:

Danke an Marcus M. aus Bochum, Benjamin R. aus Cottbus
und Jörg H. aus Berlin für ihre Tipps.


Lausitz: Gar nicht schmackhaft

Montag, den 28. April 2014

Heute müssen wir uns mit dem Fremdenverkehr befassen. Wer schon einmal an einer Tagebaukante stand, wer die Kühlturm-Schlote der Vattenfall-Kraftwerke schon einmal von Nahem gesehen und das Kettenrasseln der Abraumbagger in seinen Nervenbahnen erlebt hat (Als Test: Hier ab 1:48 und ab 2:48), der weiß: In weiten Teilen der Lausitz funktioniert nur noch Katastrophen-Tourismus.

Insofern ist folgende Anzeige, die Vattenfall großformatig zum Beispiel am Bahnhof in Lübbenau geschaltet hat, interessant:

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Wer zu Peter Frankes Landgasthof „Zum Stern“ möchte, muss in Vetschau die Autobahn A 13 verlassen. Vetschau hatte es vor Jahresfrist bundesweit zu einigen Schlagzeilen gebracht, weil das Wasser des Vetschauer Mühlenfließes zu einer rostbraunen Kloake verkommen war. Der Abbau der Braunkohle ist schuld daran. Fast alles Leben ist wegen der Verseuchung des kleinen Fließes mit Eisenocker, einem Ewigkeitsproblem des Braunkohlebergbaus, abgestorben, und weil das Mühlenfließ in das Unesco-Biosphärenreservat Spreewald mündet, ist so etwas wie Panik ausgebrochen. Denn: Zwischen all den Abraumhalden und Kraftwerksflächen ist das Gebiet das einzig erhalten gebliebene Naturparadies der Lausitz.

„Der Spreewald ist akut bedroht, zumindest der Süd-Spreewald“, sagt Jana Eitner vom Tourismusverband Burg. Sie befürchtet massive Einbußen im wichtigsten Wirtschaftszweig der Region, dem Tourismus, „denn wir verkaufen die Spree quasi als Produkt“. Und wenn jetzt durch die Braunkohle der Eisenocker unappetitlich alles Leben im Fluss zerstört, dann „ist die Destination Spreewald nicht mehr zu vermarkten“. Harald Altekrüger, der zuständige Landrat, sagt: „Für die Flora und Fauna ist das eine ganz bedrohliche Sache.“ Deshalb hat sich auch ein Aktionsbündnis „Klare Spree“ gegründet, um Vattenfall auf die Füße zu treten und gegen die Sache anzukämpfen.

Es ist nicht bekannt, ob sich Peter Franke als Mitglied dieses Aktionsbündnisses für die Erhaltung des Spreewald-Paradieses engagiert. Unter dem Slogan „Was wichtig ist“ erklärt er aber, dass es gute Gründe gibt, „Touristen die Lausitz schmackhaft zu machen“. Wer dabei hilft? „Die Braunkohle“, argumentiert Franke, der Koch.

Igitt, mag man sich denken, wenn ein Koch so etwas als schmackhaft anpreist:

RS9757_ockerrIm Bild zu sehen ist das Mühlenfließ in Vetschau, etwa zehn Kilometer Luftlinie von Frankes Landgasthof entfernt. Das Rostbraune ist Eisenocker, chemisch Eisen(III)-oxidhydrat. Für den Menschen ist der Nebenstoff der Braunkohleförderung zwar relativ ungefährlich, er verfärbt lediglich Badesachen und die Haut. Tödlich aber ist der Eisenocker für alles aquatische Leben.

„Es gibt gute Gründe, Touristen die Lausitz schmackhaft zu machen“. Peter Franke ist Koch. Wer dabei hilft? „Die Braunkohle.“ Fragt man sich: Wie schmackhaft ist das denn?

„Die Verantwortlichen haben die Gefahr erkannt und ich bin froh, dass unser Ministerpräsident auch die notwendigen Mittel zur Bekämpfung frei gegeben hat“, erklärt Peter Franke gegenüber dem Klima-Lügendetektor. Die Natur, auch die des Spreewaldes, sei ihm wichtig, am Wochenende habe er mit dem Solarkocher gekocht, mit der Erderwärmung befasse er sich auch: „In 20 Jahren muss Schluss sein mit der Braunkohle.“

Just am heutigen Tag befasst sich in Cottbus der Braunkohleausschuss mit einem neuen Tagebau für Vattenfall – damit der schwedische Staatskonzern auch nach 2040 noch Braunkohle verstromen kann. Mehr als 800 Menschen werden aus ihrer Heimat vertrieben. 2.000 Hektar Lausitz sollen verschwinden, um dort zusätzliche 200 Millionen Tonnen Braunkohle zu fördern. Und die Anzeigenkampagne von Vattenfall – bei uns bereits im vergangenen November Thema – soll für diese Heimatzerstörung guten Wind im Volk machen. „Ein mächtiger und finanzstarker Akteur betreibt Meinungsmache, um politische Entscheidungen zu seinen Gunsten zu beeinflussen“, urteilt Lobbycontrol. Demnach wird nicht in 20 Jahren Schluss sein mit der Braunkohle, so wie es Peter Franke fordert, sondern erst in 32 Jahren. Fühlt sich Peter Franke von Vattenfall also missbraucht?

Ein Gastwirt brauche in seiner Region gut bezahlte Arbeitsplätze, die ein verfügbares Einkommen haben, argumentiert der Kneiper. Und die Braunkohle sorge eben dafür mit ihren 5.000 Arbeitsplätzen. Ja, aber der Heimatverlust von 800 Menschen? Der Klimawandel?

„Ich habe das für einen guten Zweck gemacht“, sagt Peter Franke. Das Honorar seiner Vattenfall-Werbung geht nach Frankes Aussage an die Stiftung „Familien in Not“.

Danke an Falk H. aus Cottbus für den Hinweis

P.S. am 2. Mai: Der Verein LobbyControl hat kürzlich die Pro-Braunkohle-Kampagne(n) von Vattenfall beleuchtet.


Rheinische Post: Zum Teufel jagen

Sonntag, den 19. Januar 2014

Zum Wochenschluss erreichte den Klima-Lügendetektor folgendes Material:

buchbauer1Eberhard Uhlig ist Leiter der RWE-Braunkohlekraftwerke Frimmersdorf und Neurath in Grevenbroich. In der Rheinischen Post geht er mit Kritikern der Braunkohle hart ins Gericht. Im Grevenbroicher Lokalteil fordert Direktor Uhlig, „dass nicht nur die unmittelbar im Kraftwerk bei der Verbrennung entstehenden Emissionen betrachtet werden“ sollten. Beim Einfluss der Stromerzeugung auf das Klima müssten alle Treibhausemissionen bewertet werden, also auch die beim Rohstoff-Abbau.

Uhligs Stichwort heißt ‚vorgelagerte Emissionen‘. Als ein Beispiel nennt der Braunkohlemanager die Grubengasemissionen bei der Gewinnung von Steinkohle. „Grubengase, das heißt im wesentlichen Methangas, haben einen 21-fach größeren Treibhausgaseffekt als CO2. Andere Grubengase wie zum Beispiel Lachgas sind bis zu 1000-fach wirksamer als CO2, erklärt Uhlig. Zudem weist er darauf hin: „Auch bei der Gasgewinnung entstehen Gasverluste.“ Berücksichtige man solche Emissionen auf der Rohstoffgewinnungsseite, lägen „Braunkohle, Steinkohle und Gas in einem vergleichbaren Band.“

Kraftwerksleiter Uhlig:

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„Für mich stand früh fest, dass ich in den naturwissenschaftlich-technischen Bereich gehen wollte, und ich wollte in die Forschung. Ich habe in Aachen und in den USA studiert, habe am Forschungszentrum in Jülich gearbeitet“, erklärte Uhlig in einem früheren Interview. Es ist also davon auszugehen, dass Kraftwerksleiter Uhlig in der Lage ist, ingenieurstechnische Bilanzen zu ziehen.

Braunkohle wächst bekanntermaßen ja auch nicht auf dem Feld oder fällt in Frimmersdorf vom Himmel: Um an die 30 Meter breite Braunkohleschicht im Tagebau Garzweiler II heranzukommen, müssen darüber 210 Meter ‚Abraum‘ abgetragen werden. Stichwort ‚vorgelagerte Emissionen‘: Um eine Tonne Braunkohle zu fördern, sind erst einmal fünf Tonnen Erde abzubaggern – mit Strom aus 100 Prozent Braunkohle. Nach dem Abbau müssen dann nochmal sechs Tonnen Erde bewegt werden, um das 240 Meter tiefe Loch wieder zuzuschütten. Würden wir jetzt wissen, wie groß die Transportwege der Abraumtonnen sind, ließe sich berechnen, wie groß allein die abraumbedingten ‚vorgelagerten Emissionen‘ einer Tonne Braunkohle sind.

Aber selbst wenn Kraftwerksleiter Uhlig diese Bilanz nicht aufstellen könnte: Wissenschaftlich ist das Thema bestens untersucht, zum Beispiel von der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (hier: Tabelle 3-9 auf Seite 43). Die von RWE 1949 mitbegründete Forschungsstelle kommt zum Schluss, dass die Kilowattstunde Strom aus Erdgas 413 Gramm Kohlendioxid verursacht, aus Steinkohle 940 Gramm – aber 1.200 Gramm, wenn die Kilowattstunde aus Braunkohle hergestellt wird. Das liegt nicht „in einem vergleichbaren Band“, wie der Kohlemanager behauptet. Braunkohle ist vielmehr der mit Abstand klimaschädlichste aller Energieträger – gerade wegen der ‘vorgelagerten Emissionen‘.

Kraftwerksleiter Eberhard Uhlig lügt also. Aber vielleicht muss er sich ja selbst belügen, um jeden Tag diesen Job machen zu können und mit der Schuld fertig zu werden, seiner Enkelgeneration ein dickes Problem aufzubürden. Aber da ist ja gottseidank noch der Journalist. In diesem Fall ist das Andreas Buchbauer, dem sich eine Sternstunde für großen Journalismus bietet. Gegenrecherche, Faktencheck! Den Unsinn aufdecken, den der Kraftwerkschef da auftischt! Ein Anruf beim Wuppertal-Institut oder vielleicht beim Umweltbundesamt? Bei RWE selbst? Wenigstens einmal googeln?

Pustekuchen! Andreas Buchbauer (und seine ihn redigierenden Kollegen) interessiert die Wahrheit keinen Deut. Stattdessen lässt Andreas Buchbauer Kraftwerksleiter Uhlig zu den Kritikern der Braunkohle sagen:

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Und dann sagt Andreas Buchbauer Kraftwerksleiter Eberhard Uhlig auch noch: „Es ist nicht gerechtfertigt, die Braunkohle zu verteufeln.“

Gerechtfertigt ist jedenfalls, solch miesen Journalismus zu verteufeln – und die ‚Baubuchers‘, die sich dafür hergeben, zum Teufel zu jagen!

Vielen Dank an unsere Leserin Anika P. aus Bochum
und Leser Dirk J. aus Köln für diesen Hinweis!


Vattenfall: Sozialprobleme schönreden

Donnerstag, den 28. November 2013

In Cottbus und Umgebung lässt die Firma Vattenfall derzeit folgendes plakatieren:

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Wir konnten leider Gregor Ladusch aus Großräschen selbst nicht befragen, wie seine Zukunft aussieht. Die Telefonauskunft verrät seine Telefonnummer nicht. Verbrieft ist immerhin, dass Gregor Ladusch aus Großräschen echt ist. Beispielsweise beschrieb er den Ort Atterwasch als „perfekten Ort zum Lernen“: „Es macht Spaß, hier zu lernen. Die Anlage mit dem See gleich nebenan – das ist perfekt“, zitiert die Lausitzer Rundschau Gregor Ladusch aus Großräschen im Jahr 2006 – damals 14-jährig.

Dumm nur, dass Atterwasch keine Zukunft hat. Der „perfekte Ort zum Lernen“ wird demnächst von Schaufelrad-Baggern zermalmt, die aus dem „perfekten Ort“ dann den Braunkohletagebau Jänschwalde-Nord machen.

Mehr noch: In den kommenden Tagen beginnt die Erörterung für den neuen Tagebau Welzow-Süd II. Bis 2042 sollen Orte wie Proschim, Karlsfeld und Teile von Welzow geopfert werden, Vattenfall will sich im Genehmigungsverfahren durchsetzen. Gregor Ladusch aus Großräschen sagt in der Anzeige deshalb:

2Aber das ist glatt gelogen! Im neuen Koalitionsvertrag haben SPD und Union Klima-Ziele festgeschrieben: „National wollen wir die Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um mindestens 40 Prozent gegenüber dem Stand 1990 reduzieren“, heißt es auf Seite 50. Bis 2050 sollen es in Deutschland 80 bis 95 Prozent sein, nach den Ergebnissen der Pariser Klimaschutzkonferenz 2015 soll ein Plan mit Zwischen-Zielwerten bis dahin folgen. Und die Koalitionäre haben schon mal ein Zwischenbild gemalt: Bis 2035 sollen 55 bis 60 Prozent des deutschen Strombedarfs durch Sonne, Wind und Co gedeckt werden.

Braunkohle ist der klimaschädlichste aller Energieträger. Je nach Braunkohle-Art entstehen beim Verfeuern einer Tonne bis zu 1,3 Tonnen Kohlendioxid – dreimal so viel wie bei einem modernen Gas-und-Dampf-Kombikraftwerk. Braunkohlekraftwerke sind heute für etwa die Hälfte des Kohlendioxid-Ausstoßes in Deutschlands Stromerzeugung verantwortlich. Völlig klar ist deshalb, dass im Jahr 2035 Braunkohle im Energiemix kaum noch eine Rolle spielen kann. Azubi Gregor Ladusch aus Großräschen wird dann 43 Jahre alt sein – und arbeitslos, weil er eben nur Braunkohle kann.

Die neue Brandenburger Landeschefin der Bündnisgrünen hat dieses kommende Sozialproblem bereits thematisiert: „Wir sollten im Braunkohlebereich keine Lehrlinge mehr ausbilden, sondern nur noch in erneuerbaren Energien“, sagte Petra Budke. Aber das will in der Lausitz kaum jemand hören. Man hofft hier halt auf Vattenfall und darauf, dass Klimaschutz nicht wichtig ist.

Vattenfall sucht aber schon mal einen Investor, an den der schwedische Konzern sein Braunkohle-Geschäft verkaufen kann. Offenbar ist das weder „wichtig“ noch „die Zukunft“.

Danke an Mike K. aus Fürstenwalde für den Tipp


Vattenfall: Sie tun’s schon wieder

Donnerstag, den 20. September 2012

Dieser Klima-Lügendetektor beginnt mit einem Zitat. Mit einem etwas längerem.

Vorhang auf (Zitat-Anfang):

„Von allen Energiekonzernen lügt Vattenfall am dreistesten. Regelmäßige Leser des Klima-Lügendetektors erinnern sich gewiss an die „Klima-Unterschrift“: In großformatigen Anzeigen und im Internet rief Vattenfall dazu auf, mit unserer Unterschrift die Politik zu mehr Klimaschutz zu bewegen. Zur gleichen Zeit beantragte der Konzern drei neue Braunkohletagebaue in der Lausitz.

Erinnert sei auch an das Kraftwerk Hamburg-Moorburg, welches Vattenfall mit einer CCS-Technologie versprach, also mit integrierter Abscheidung des Kohlendioxids aus den Rauchgasen. Das war natürlich genauso gelogen, wie der Slogan „Für Deine Zukunft spannen wir die Windenergie ein“, mit der Vattenfall im Frühjahr 2008 warb: Damals produzierte der Konzern gut 1 Prozent seines Stromes mit Windkraftwerken, heute sind es immer noch gut 1 Prozent.“

Vorhang zu (Zitat-Ende)

Vattenfall-Lügen auf dem Klima-Lügendetektor zu präsentieren, ist nicht sonderlich innovativ. Kenner dieser Seite haben vielleicht erkannt: Der Detektor zitiert sich hier selbst.  Und doch kommen wir gar nicht umhin, uns immer wieder mit dem Deutschlandableger des schwedischen Staatskonzerns zu befassen. Tatsächlich haben etliche PR-Agenturen gelernt, die halbwahren Werbe-Botschaften ihrer fossilen Kunden nicht mehr so offenkundig, die menschliche Intelligenz beleidigend zu verkaufen. Was die Arbeit für die Lügendetektoren übrigens deutlich schwieriger gemacht hat. Aber dann kommen eben Vattenfall-Werbe-Strategen daher und die Arbeit der Detektoren ist wieder so simpel, dass sich die Autoren fragen, ob im fünften Jahr des Bestehens so etwas dem Stammpublikum eigentlich noch zuzumuten ist.

Konkret: Vattenfall lügt. Schon wieder!

Vattenfall hatte im vergangenen Jahr versprochen:

In der dazugehörigen Anzeige hieß es: „Die Hauptstadt hat ambitionierte Klimaschutzziele. Vattenfall trägt wesentlich zu deren Erreichen bei. In der Klimaschutzvereinbarung mit dem Land Berlin verpflichtet sich Vattenfall, seine CO2-Emissionen in Berlin bis zum Jahr 2020 zu halbieren.“

Vattenfall wollte dafür ein altes Kohlekraftwerk durch ein neues Biomasse-Kraftwerk ersetzen, in dem ab 2019 jährlich rund 500.000 Tonnen Holz verfeuert werden sollten. In Berlin-Lichterfelde sollte ab 2014 ein modernes Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk in Betrieb gehen und 70.000 Haushalte versorgen.

Doch nun heißt es in der taz:

Es wird nämlich nichts mit dem von Vattenfall versprochenen Gas- und Biomasse-Kraftwerken. Zumindest nicht vor 2020. Das Motto von Vattenfall: ‚Was scheren mich meine Zusagen von Gestern, wenn ich heute meinen Profit maximieren kann.‘

Michael Schäfer, klimapolitischer Sprecher der Grünen, wirft Wowereit in der taz vor, Vattenfall aus der Verantwortung für das wichtigste Klimaschutzprojekt der Legislatur zu entlassen. Durch einen verspäteten Braunkohleausstieg könnten bis zu 4 Millionen Tonnen zusätzliches CO2 ausgestoßen werden, was 20 Prozent des Berliner Jahresausstoßes entspräche.

Vattenfall wollte gegenüber der taz nichts zu einem späteren Ausstieg sagen. „Aber wir werden die Klimaschutzvereinbarung und die Halbierung der CO2-Emission bis 2020 erreichen“, beteuerte ein Sprecher Steifen Ernstes. Wie Vattenfall das gelingen will – dazu konnte der Sprecher nichts aussagen.

Jede Wette: Zu diesem Thema werden Sie hier wieder lesen – MÜSSEN.

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Vattenfall: Gute Stimmung herlügen

Montag, den 17. September 2012

Vattenfall hat gerade eine Werbeoffensive gestartet. „Komm ins Team“, heißt es beispielsweise in der Berliner Zeitung. Oder im Hamburger Abendblatt: „Für die Energiewende in Hamburg braucht es Innovationen, Versorgungssicherheit – und mich“.  In der Sächsischen Zeitung lautet die Botschaft:

Im Kleingedruckten heißt es dort: „Braunkohle ist ein moderner, flexibler und bezahlbarer Energieträger – und spielt eine wichtige Rolle bei der Beschäftigung und Wertschöpfung in der Lausitz.“

„Modern, flexibel und bezahlbar“ – das ist natürlich glatt gelogen. Das größte Problem der Moderne ist die Erderwärmung und Braunkohle ist der mit Abstand klimaschädlichste aller Energieträger und damit das unmodernste, was es gibt. Pro Kilowattstunde Strom werden dreimal so viel Treibhausgase frei, als wenn diese Kilowattstunde beispielsweise in einem wirklich modernen Gaskraftwerk erzeugt worden wäre.

Die Bezeichnung „flexibel“ ist ein Witz der Werbetexter: Rohbraunkohle besteht zu 55 Prozent aus Wasser, zu 5 Prozent aus Asche und zu 40 Prozent aus Kohle. 60 Prozent des Brennstoffs sind also schon einmal Abfall. Und wenn man bedenkt, dass Menschen umgesiedelt werden müssen, bevor viele tausend Tonnen Abraum bewegt werden können, um die Tonnen Rohbraunkohle dann endlich zu heben, wird deutlich, wie „flexibel“ Braunkohle tatsächlich ist.

„Bezahlbar“ ist die Braunkohle nur deshalb, weil ihre wahren Kosten verschleiert sind: Der deutsche Steuerzahler musste Milliarden aufbringen, um die Tagebau-Restlöcher aus DDR-Zeiten zu renaturieren. Weil die Politik jede Menge Schlupflöcher in den europäischen Emissionshandel einbaute, kostet dort die Tonne Treibhausgas derzeit gerade mal so viel wie zwei Gläser Bier. Für die Klimaschuld in anderen Ländern zahlt Vattenfall natürlich nichts. Nach Greenpeace-Recherchen sind die deutschen Vattenfall-Kohlekraftwerke für rund 70 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr verantwortlich– doppelt so viel wie ganz Bangladesch emittiert. In Bangladesch aber sterben schon heute Menschen an der Erderwärmung.

Menschenleben sind nicht „bezahlbar“. Vattenfall lügt wie gedruckt, weil der Konzern gute Stimmung für einen neuen Tagebau braucht. Derzeit laufen die Anhörungen zum geplanten Tagebau Welzow Süd. Zwar will Vattenfall hier erst ab 2027 Braunkohle fördern. Aber das Genehmigungs-Prozedere ist eben so unflexibel, dass jetzt schon mit den Planungen begonnen werden muss.

Zumal der Widerstand von den Betroffenen nicht unerheblich ist. Die Lausitzer Rundschau vermeldete (man beachte die dazu gehörige Werbung):

Ganz „modern“ ist Vattenfalls Politik der Zwangsumsiedlung nämlich nicht: 800 Menschen würden ihr Zuhause verlieren, sollte der Tagebau genehmigt werden. Das erinnert doch sehr an Nazi- oder DDR-Zeiten, als die Leute notfalls mit Gewalt vertrieben wurden.

Deshalb führt Vattenfall „Beschäftigung und Wertschöpfung“ ins Gefecht. Und hier sagt Vattenfall tatsächlich die Wahrheit. Nach dem Motto: „Wenn viele das Falsche machen und damit richtig Kohle verdienen, dann kann das Falsche von Vattenfall ja nur das Richtige für alle anderen sein.“

Danke an Susi M. aus Dresden für den Hinweis

P.S.: Seit einem Jahr ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Vattenfall halbiert – seine Glaubwürdigkeit

Samstag, den 30. April 2011

Von allen Energiekonzernen lügt Vattenfall am dreistesten. Regelmäßige Leser unseres Detektors erinnern sich gewiss an die „Klima-Unterschrift“: In großformatigen Anzeigen und im Internet rief Vattenfall dazu auf, mit unserer Unterschrift die Politik zu mehr Klimaschutz zu bewegen. Zur gleichen Zeit beantragte der Konzern drei neue Braunkohletagebaue in der Lausitz.

Erinnert sei auch an das Kraftwerk Moorburg, dass Vattenfall mit einer CCS-Technologie versprach,  also mit integrierter Abscheidung des Kohlendioxids aus den Rauchgasen. Das war natürlich genau so gelogen, wie der Slogan „Für Deine Zukunft spannen wir die Windenergie ein“, mit der Vattenfall im Frühjahr 2008 warb: Damals produzierte der Konzern gut 1 Prozent seines Stromes mit Windkraftwerken, heute sind es immer noch gut 1 Prozent.

Vattenfall-Lügen auf dem Lügendetektor zu präsentieren ist also eigentlich nicht sonderlich innovativ. Und doch kommen wir gar nicht umhin, uns immer wieder mit dem Deutschlandableger des schwedischen Staatskonzerns zu befassen. Im neuen Vorwärts, der Parteizeitung der SPD, wirbt Vattenfall mit einem neuen Versprechen:

Und weiter heißt es in der Anzeige: „Die Hauptstadt hat ambitionierte Klimaschutzziele. Vattenfall trägt wesentlich zu deren Erreichen bei. In der Klimaschutzvereinbarung mit dem Land Berlin verpflichtet sich Vattenfall, seine CO2-Emissionen in Berlin bis zum Jahr 2020 zu halbieren.“

Richtig ist, dass Vattenfall in der Hauptstadt ein altes Kohlekraftwerk durch ein neues Biomasse-Kraftwerk ersetzen will. Ab 2019 sollen jährlich rund 500.000 Tonnen Holz verfeuert werden, und weil die Wälder Berlins so viel Holz nicht hergeben, wird auch Holz aus Brandenburg, Polen, Liberia verfeuert.

Sie lesen richtig: Liberia. Erste Lieferverträge mit dem afrikanischen Land solle es bereits geben, schließlich geht es

Gleich hinter der Grenze Brandenburgs zu Sachsen wird jetzt übrigends Vattenfalls Kraftwerk Boxberg mit Braunkohle aus dem neuen Tagebau Reichwalde beliefert. Der war 1999 eigentlich still gelegt worden, aber Vattenfall hat ihn nun reaktiviert: Jährlich sollen hier bis in das Jahr 2045 zehn Millionen Tonnen Kohle aus der Erde geholt werden.

In Brandenburg sollen zudem mindestens drei weitere Tagebaue neu zu den ohnehin bestehenden folgen. Dabei ist das Bundesland bereits heute ein schlimmerer Klimasünder als die USA: 1995 war jeder Einwohner statistisch gesehen für 23 Tonnen Treibhausgas verantwortlich, 2006 produzierte der Brandenburger schon 26 Tonnen und 2015 werden es dank Vattenfall knapp 30 sein. Amerikaner sind pro Kopf „nur“ für 20 Tonnen im Jahr verantwortlich.

Berliner sind statsitisch gesehen übrigends für 5 Tonnen Treibhasgas im Jahr verantwortlich. Da ist es natürlich heroisch, wenn Vattenfall seinen Kohlendioxid-Ausstoß in der Hauptstadt bis zum Jahr 2020 halbiert: Der Dreckstrom kommt ja aus dem Umland, aus Brandenburg.

PS: Nach Greenpeace-Recherchen sind die deutschen Vattenfall-Kohlekraftwerke für rund 70 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr verantwortlich– doppelt so viel wie Bangladesch. Dazu kommen Neubauprojekte, die  18,5 Millionen Tonnen zusätzlich verursachen – soviel wie sieben Sahel-Staaten vom Senegal bis zum Sudan.

Danke an Samuel L. aus Berlin für den Hinweis


Linkspartei: Klimaheuchelnd ins Neue Jahr

Montag, den 4. Januar 2010

Jahreswechsel sind bekanntlich Gelegenheiten für besinnliche Rückblicke und gute Vorsätze. Dementsprechend hat die Berliner Zeitung in ihrer Neujahrsausgabe den Ministerinnen und Ministern der neuen Brandenburger Landesregierung einen kleinen Fragebogen vorgelegt. Worüber sie sich denn 2009 am meisten geärgert hätten, sollten die Politiker von SPD und Linkspartei dort aufschreiben. linkspartei_berlztg1„Ärgernisse vergesse ich meist schnell“, antwortete etwa Finanzminister Helmuth Markov (Die Linke). „Nur nicht die Scheinheiligkeit der Bundesregierung zum Einsatz in Afghanistan.“ Und seinen Genossen Justizminister Volkmar Schöneburg wurmte im vergangenen Jahr am meisten „das dürftige Ergebnis der Weltklimakonferenz“.

Nunja, bei den Worten „Scheinheiligkeit“ und „dürftiges Ergebnis“ fällt Klimaschützern in Brandenburg vor allem die Linkspartei selbst ein: Im vergangenen Jahr nämlich hatte sie ein Volksbegehren gegen neue Braunkohletagebaue unterstützt, die Vattenfall in Brandenburg plant. In den Wahlkampf zog die Linkspartei dann – siehe Seite 13 des Wahlprogramms – mit dem Slogan: „Keine neuen Tagebaue!“ Wörtlich hieß es dort: „Der Abbau der Braunkohle schädigt den Grundwasserhaushalt für Jahrhunderte, ihre Verbrennung ist energetisch wenig effektiv und beschleunigt den Klimawandel durch den Ausstoß von Millionen Tonnen Kohlendioxid.“

Wohl wahr. Was aber passierte, als die Linkspartei nach der Wahl Gelegenheit zur Regierungsbeteiligung bekam? Genau, sie stimmte einem Koalitionsvertrag mit der Brandenburger Braunkohle-SPD zu – der natürlich nicht den zügigen Ausstieg aus diesem klimaschädlichen Brennstoff festschreibt, die versprochene Energiewende vollzieht, neue Tagebaue verhindert oder Vattenfalls CCS-Alibiforschung stoppt. Der schwedische Staatskonzern darf deshalb auch in den kommenden Jahrzehnten in Brandenburg Milliardenprofite einfahren – auf Kosten der Umwelt, der Tagebauvertriebenen und natürlich auf Kosten des Weltklimas.

Maliziös fragten die Kollegen der Berliner Zeitung noch: „Was ist Ihr persönlicher Beitrag zur Rettung des Weltklimas?“ Zugegeben, auch von Sozialdemokraten kamen schräge Antworten, Ministerpräsident Matthias Platzeck etwa will „kalt duschen“. Aber die SPD hatte im Wahlkampf zumindest nie einen Hehl daraus gemacht, dass in Brandenburg unter ihr einige der größten Kohlendioxid-Schleudern Europas weiterlaufen dürfen. Die Antworten der Linkspartei dagegen sind angesichts ihres klimapolitischen Wortbruchs pure Heuchelei. Umweltministerin Anita Tack:

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Ja, ja, sie verspricht zu kämpfen – hat aber längst verloren. Die anderen Minister der Ex-PDS bleiben deshalb gleich im Privaten: Finanzminister Markov verweist auf sein Solardach und eine Holzheizung, Justizminister Schöneburg will „am Wochenende auf das Auto verzichten“. Die Solaranlage des Finanzspezialisten Markov dürfte (neben dem unbestrittenen Umweltnutzen) für ihn privat ein hübsches Geschäft sein. Und der Autoverzicht von Justizminister Schöneburg brächte hochgerechnet (fünf Jahre Amtszeit, 52 Wochenende pro Jahr, 250 km pro Wochenende, durchschnittlicher CO2-Ausstoß ca. 160 Gramm pro km) insgesamt gut zehn Tonnen Kohlendioxid-Einsparung. Dagegen stößt allein das Vattenfall-Kraftwerk Jänschwalde, das dank der Umfaller von der Linkspartei noch weit über das Jahr 2020 laufen wird, jährlich mehr als 20 MILLIONEN Tonnen des Klimagases aus.

Politiker sollten lieber gute Politik machen, statt ihr Privatleben klimaschützerisch zu optimieren.