iwo: Alten Schrott anpreisen

Im Jahr 2020 war der Gebäudesektor in Deutschland für 120 Millionen Tonnen Treibhausgase verantwortlich – der drittgrößte Einzelposten nach der Energiewirtschaft und der Industrie. Und während in allen anderen Bereichen die Emissionen zurückgingen, stiegen sie im Gebäudesektor wieder an.

Es muss also dringend etwas getan werden. Das „Institut für Wärme und Mobilität“ empfiehlt deshalb:

Nanu – eine Ölheizung ist in Zeiten des Klimaschutzes eine „gute Entscheidung mit Zukunft“?

Ein Heizölkessel verursacht pro Kilowattstunde 318 Gramm Kohlendioxid, Erdgas dagegen „nur“ 247 Gramm. Bei einer Wohnfläche von 60 Quadratmetern, für die man pro Jahr in der Regel ca. 7.500 Kilowattstunden Heizenergie benötigt, verursacht der Heizöl-Haushalt 2,4 Tonnen Treibhausgas, der Gasheiz-Haushalt „nur“ 1,8 Tonnen.

Die neue Ölheizung liefere die

urteilt das Institut und schiebt ein zweites Argument eine zweite Anzeige hinterher:

CO2-armes Heizöl? Gibt es gar nicht. Jedenfalls erklärt uns das Institut nicht, was das sein soll. Zu finden ist auf seinen Seiten „schwefelarmes Heizöl“, „Premiumheizöl“, „Bio-Heizöl“ und „klimaneutrales Heizöl“.

Das Institut setzt in der eigenen Schreibweise „klimaneutrales Heizöl“ in Anführungszeichen, denn „klimaneutrales Heizöl“ ist gar nicht klimaneutral: Die entstehenden Emissionen sollen durch einen höheren Preis verschwinden, die Heizölnutzung wird durch

Das allerdings geht praktisch nur in der Theorie. Wer mit seiner Heizung etwas für den Klimaschutz tun will, ist längst auf klimafreundliche Technologien umgestiegen.

Worum also geht es dem „Institut für Wärme und Mobilität“? Schauen Sie mal:

Ölheizungen sind ein Auslaufmodell, das neue Gebäudeenergiegesetz verbietet diese Heizform ab  1. Januar 2026. Um den Umbau hin zu mehr Klimaschutz im Heizungskeller zu beschleunigen, fördert die Bundesregierung fossilfreie Technologien wie Wärmepumpen bei der Anschaffung mit bis zu 45 Prozent.

Der Einbau von Ölheizungen lohnt sich in etwa so, wie diese „CO2-arm“ sein können: nämlich gar nicht. Das „Institut für Wärme und Mobilität“ hieß früher „Institut für Wärme und Öltechnik“ – daher die Abkürzung iwo. Dabei ist es gar kein Institut, sondern ein Lobbyverband, der von 33 Ölkonzernen finanziert wird. Ziele des „Instituts“ sind die „Mitgestaltung von Rahmenbedingungen“ – gemeint ist die Gesetzgebung – und „Marketing-Aktionen“.

Und weil Mitgliedsunternehmen wie BP, Esso oder Eni jetzt Angst bekommen, dass ihnen der Heizölabsatz wegbricht, verkauft uns das „Institut“ die alte Schrott-Technologie, die von der Regierung aus dem Verkehr gezogen wird, als „Zukunft“.

Herzlichen Dank an Steffi R. aus Berlin für den Hinweis!


 

BaWü: Das AKW jetzt abschalten

Der 35. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. In Baden-Württemberg lud die Landesregierung aus diesem Anlass zu folgender Veranstaltung:

Über diese Veranstaltung berichtete der Saarländische Rundfunk:

Grundlage dieser Einschätzung ist eine Studie der International Nuclear Risk Assessment Group, die zu dem Schluss kommt, dass Qualität und Zuverlässigkeit der Bauteile in allen technischen Systemen eines Atomkraftwerkes mit zunehmender Betriebszeit abnehmen.

In einer früheren Stellungnahme hatte schon die bündnisgrüne Atomexpertin Sylvia Kotting-Uhl erklärt: „Die meisten Atomkraftwerke in der Welt, vor allem im Osten Europas, sind für eine Laufzeit von 30 Jahren ausgelegt. Nach dieser Zeit häufen sich die Störfälle, das Material wird spröde und die Anzahl von schwereren Störfällen steigt erheblich. Das heißt: Die Risiken erhöhen sich.“

Deutschland ist regelrecht „umzingelt“ von Altreaktoren, der Saarländische Rundfunk warnt vor dem AKW in Cattenom im französischen Grenzgebiet, in Betrieb seit 1986. Der Kölner Stadt-Anzeiger sorgt sich um die Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 in Belgien, ersterer seit 1983 in Betrieb, letzterer seit 1975.

Aber sagt mal, liebe Grüne: Neckarwestheim, dieses Atomkraftwerk am Neckar, liegt das nicht in Baden-Württemberg? War am 15. April nicht gerade der 32. Jahrestag des kommerziellen Starts von Reaktorblock 2? Aber die meisten Atomkraftwerke sind doch nur für eine Laufzeit von 30 Jahren ausgelegt, danach häufen sich die Störfälle, das Material wird spröde und die Gefahr eines GAU – steigt die nicht erheblich?!

Wer ist gleich nochmal zuständig in Baden-Württemberg? Ach, das seid ja ihr Bündnisgrünen! Danke für die Veranstaltung zum Tschernobyl-Jahrestag! Sicherlich wird euer neuer Umweltminister in einer seiner ersten Amtshandlungen als oberste Aufsichtsbehörde das abgelaufene Atomkraftwerk Neckarwestheim deshalb abschalten.

Vielen Dank an Matthias W. aus Hamburg für den Hinweis!


 

Eon: Heucheln „on the rocks“

Manche Konzerne sind derart dreist, dass es einem glatt die Sprache verschlägt.

Zum Beispiel Eon. Auf Facebook flötet Europas ehemals größter Fossilkonzern:

Irgendwer in der PR-Abteilung des Essener Energie-Riesen hat sich wohl gedacht, der Kommunist Juri Gagarin eignet sich heute prima für die gute Botschaft. Vor 60 Jahren, am 12. April 1961, war nämlich der sowjetische Kosmonaut als erster Mensch ins Weltall gestartet – und aus diesem dann sogar wohlbehalten auf die Erde zurückgekehrt. „Ich sehe die Erde! Sie ist so wunderschön!“, soll er gesagt haben. Aber damals gab es ja Eon noch nicht.

Im Eon-Facebook-Post heißt es jetzt: „Wir finden, er hat recht, und wir sollten diese Schönheit bewahren. Mit „wir“ meint der Konzern auch sich selbst.

Aber sagt mal, Eon, seid ihr das nicht, die ihr mit euren fünf Atomkraftwerken in Deutschland jeden Tag so viel atomaren Strahlenmüll produziert, dass die Schönheit des Planeten auch in mindestens einer Million Jahren noch verstrahlt sein wird?

Wart ihr das nicht, die es sich trotz Klimawandel trauten, noch 2020 in Deutschland ein neues Kohlekraftwerk ans Netz zu schalten? Vor nicht mal einem Jahr ging Datteln in Betrieb, um betriebswirtschaftlich wenigstens 40 Jahre lang „die Schönheit“ mit Treibhausgasen vollzupumpen (oder vorher uns Verbrauchern eine fette Abfindung abzupressen).

Hattet ihr nicht 2008 die Entwicklung von Gezeitenkraftwerken versprochen, weil es doch darum geht, gegen die Klimaerhitzung vorzugehen und die „Schönheit“ (Gagarin) zu bewahren? Ach, die gibt es gar nicht, die Eon-Gezeitenkraftwerke?

Ist es nicht das Erdgasfeld Juschno-Russkoje, das ihr jahrelang in Nordsibirien ausgebeutet habt? Um Methan aus der Erde zu holen und daraus Treibhausgase zu machen?

Und überhaupt: Hattet ihr nicht über Jahrzehnte weltweit jede Menge Kohlekraftwerke am Netz?

Wenn Eon Juri Gagarin zitiert, ist das wie „Heucheln on the rocks“: Erst jahrzehntelang die Atmosphäre mit Treibhausgasen zuballern, die politische Debatte mit bezahltem Lobbyismus verpesten, den folgenden Generationen hunderttausende Jahre lang strahlenden Atommüll aufbürden – und darüber dann den säuselnden Sermon der Täuschung und Vertuschung gießen.

P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert. Noch aber fehlen uns einige Euros, um die Recherche auch im ersten Halbjahr 2021 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


 

Armin Laschet: Dreist lügen

Wer ist der größte – ach was, der allergrößte – Klimaschützer im Land?

Armin Laschet:

Armin Laschet ist bekanntlich Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen. Und Chef der CDU. Und deshalb vielleicht auch bald Kanzlerkandidat und deshalb vielleicht auch bald Kanzler von Deutschland. Gut also, wenn Laschet beim Klimaschutz in Nordrhein-Westfalen vorangeht!

Nur leider ist das glatt gelogen: Gerade hat nämlich seine Landesregierung die „Leitentscheidung zur Braunkohle beschlossen. Mit dieser dürfen die Tagebaue im Land bis mindestens Ende dieses Jahrzehnts weiterbetrieben werden.

deshalb auch diese Leitentscheidung. Umweltschützer kritisieren sie jedoch: Die Abbruchkante des Tagebaus rücke durch die Leitentscheidung so nah an den Hambacher Forst heran, dass das Biotop dadurch zerstört werde.

Was die Windkraft anbelangt: In Niedersachsen drehen sich Windräder mit einer Spitzenleistung von 11.430 Megawatt, in Brandenburg sind es knapp 7.500 Megawatt. Es folgt Schleswig-Holstein und erst danach das Land von Armin Laschet.

2019 hat übrigens das grün regierte Baden-Württemberg mehr Treibhausgase binnen eines Jahres eingespart. Verglichen mit dem Jahr 1990 liegen Thüringen, Sachsen oder Rheinland-Pfalz sehr weit vor NRW. Trotzdem behauptet Armin Laschet via Instagram:

Der Hoffnungsträger der Union lügt also wie gedruckt. Wobei er in einem Punkt recht hat: Im Jahr 2020 wurden deutschlandweit in Nordrhein-Westfalen die meisten Windräder aufgestellt: 93 Neuanlagen. Im Jahr davor waren es nur 38.

Herzlichen Dank an Marta R. aus Nidderau für den Hinweis!

P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert. Noch aber fehlen uns einige Euros, um die Recherche auch im ersten Halbjahr 2021 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


 

FDP: Einfach nicht durchdacht

Vielleicht muss man die FDP nach ihrem Wahlerfolg in Baden-Württemberg ja doch ernst nehmen? Mit Blick auf die Liberalen sagte SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz nach der Wahl: „Es sind Regierungsbildungen ohne die CDU/CSU in Deutschland möglich.“

Ob das eine Drohung war? Befassen wir uns also mit der FDP. Und hier aktuell mit Michael Theurer:

Theurer ist seit 2017 Mitglied im Deutschen Bundestag und stellvertretender FDP-Fraktionsvorsitzender. Im Autoländle Baden-Württemberg ist er seit acht Jahren Vorsitzender der FDP. Auf Facebook erklärt der Beisitzer des Präsidiums der FDP-Bundespartei zum aktuellen Autogipfel:

„Mit synthetischen Kraftstoffen ließen sich die eine Milliarde im Einsatz befindlichen Verbrenner klimaneutral machen“?

👍

???

Aber Herr Theurer, doch nur, wenn die „synthetischen Kraftstoffe“ – es geht um die Wasserstofftechnologie – zu 100 Prozent aus erneuerbarem Strom gewonnen werden! Notwendig ist sogenannter „Grüner Wasserstoff“, denn zur Wasserstoff-Herstellung ist viel Energie notwendig – und die ist nur klimaneutral, wenn sie via Wind, Sonne oder Wasserkraft CO2-frei hergestellt wird.

Analog zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl in den 1950ern eine Europäische Wasserstoffunion gründen, fordern Sie? 

Ähhh, stopp! Zuerst einmal bräuchten wir genügend Wind- und Sonnenstrom! 2020 kamen erst 47 Prozent der in Deutschland verbrauchten Elektrizität aus erneuerbaren Quellen, bisher ist schlicht kein erneuerbarer Strom übrig, um daraus Verbrenner mit synthetischen Kraftstoffen klimaneutral zu machen. Wir bräuchten dafür einen radikalen Ausbau von Windkraft, Photovoltaik und Co.

Wofür die FDP plädiert? Eine Auswahl von vier Minuten Recherche im Netz:

Arnsberg liegt in Nordrhein-Westfalen.

Der Zeitungsausschnitt stammt aus dem Jahr 2017.

Das ist aktuelle Beschlusslage der FDP in Theurers BaWü-Fraktion.

So argumentiert die FDP in Hessen.

Das ist die Forderung der Bundespartei. (Abstandsregeln haben den Ausbau der Windkraft zuletzt nahezu unmöglich gemacht. Zudem sind sie strittig, weil die Abstände stellenweise größer sind als zu Atomkraftwerken.)

fordert der forstpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.

Und hier noch die Entwicklung in NRW, wo die FDP mit der CDU regiert:

Mit synthetischen Kraftstoffen eine Milliarde Verbrenner klimaneutral machen? Michael Theurer argumentiert, den „Grünen Wasserstoff“ könne man ja aus Portugal, Nordafrika, Südamerika oder dem arabischen Raum importieren, wo er mittels Photovoltaik hergestellt werden kann. Dumm nur, dass in diesen Ländern nicht annähernd so viel Grünstrom im Netz ist wie in Deutschland. Dem Klimaschutz wäre mit solch einer Importinitiative deshalb in keinster Weise geholfen, die FDP-Idee ist einfach nicht durchdacht.

👎

!!!

Vielen Dank an Andreas W. aus Berlin für seinen Hinweis via Facebook.


 

ZDF: Silikon im Hirn

Das Zweite Deutsche Fernsehen ist einer ganz großen Sache auf der Spur: Die Energiewende ist reinstes Greenwashing!

Das zumindest ist Tenor des Films „Nicht ganz grün – Nebenwirkungen der Energiewende“, der in dieser Woche auf ZDFinfo lief: 

Es ist natürlich wichtig, sich den Nebenwirkungen der Energiewende zu widmen! Allerdings enttäuscht der Film anfangs, denn es geht gar nicht um die Energiewende, sondern um Rohstoffe. Das ZDF führt uns in ein Graphitwerk nach China, in eine Kupfermine nach Chile, zu den Lithiumlagerstätten in Bolivien.

Die Arbeitsbedingungen vor Ort sind mies, überall gibt es „Umweltschäden, die zur Kehrseite der Energiewende zählen“, wie es im Film bei Minute 18:40 heißt:

„Für saubere Luft in einem Teil der Welt werden anderswo ganze Landstriche zerstört“, sagt die Sprecherin mit dramatischer Musik unterlegt. Jetzt wird der aufgeklärte Zuschauer ein bisschen unruhig, denn bei der Energiewende geht es ja ums Klima und weniger um saubere Luft. Was also ist „nicht ganz grün“ an Wind- oder Solarkraft? Was sind die „Nebenwirkungen der Energiewende“?

Es ist der Verbrauch von Rohstoffen – so die These des Films: „Batterien von Elektroautos haben die Nachfrage nach Lithium stark steigen lassen“, heißt es bei Minute 34:17:

Das ist natürlich eine korrekte Feststellung. Genauso wie die Aussage: „Batterien von Handys haben die Nachfrage nach Lithium stark steigen lassen.“ Statt „Handys“ können Sie gern auch Laptops oder Tablets in diesem Satz verwenden.

Bei Minute 37:33 scheint der Film dann endlich zur Energiewende zu kommen – auch rein optisch:

„Die Lebensdauer einer Windkraftanlage ist begrenzt“, sagt die Sprecherin. „Sie muss entsorgt oder verwertet werden.“ Auch das ist absolut zutreffend, genauso wie übrigens die Lebensdauer von Atomkraftwerken, Chemiefabriken oder Flugzeugen begrenzt ist, die auch entsorgt oder verwertet werden müssen.

„Bevor die neuen, grünen Energien ihr Potenzial voll ausschöpfen, ist noch viel Forschung nötig“, sagt eine Forscherin auf Französisch, und dann, bei Minute 38:58, erklärt sie, dass die Solarzellen „Silikon“ enthalten.

Spätestens jetzt ist klar, dass mit dem Film etwas nicht stimmt: Schließlich stammt in Deutschland mittlerweile fast die Hälfte des Stromes aus den „neuen, grünen Energien“, genutzt wird so viel Potenzial wie bei keiner anderen Ressource. Und Solarzellen enthalten Silizium, nicht Silikon – ein peinlicher Übersetzungsfehler. Der Film wurde in Frankreich produziert, aber das macht das ZDF nicht sichtbar.

Das Wort „Klimaschutz“ kommt im ganzen Film nicht ein einziges Mal vor, auch nicht ein ähnliches wie „Erderhitzung“ oder „Klimakatastrophe“. Stattdessen darf der Ingenieur Philippe Bihouix unwidersprochen sagen: „Die Energiewende ist reinstes Greenwashing. Man gibt sich einen sauberen Anstrich, aber die Verschmutzung wird nur verlagert.“

Das ist reinstes „Energiewende-Bashing“ ohne jegliche Substanz. Erstens erhebt sich die Frage, ob das ZDF keine eigenen Autoren besitzt, um sich fundiert den Nebenwirkungen der Energiewende zu widmen. Zweitens fragt man sich, warum nicht wenigstens der Filmstoff von internen Experten auf Plausibilität geprüft wurde, bevor ihn das ZDF einkaufte. Drittens stellt sich die Frage, ob wir mit unseren Gebühren solche Stimmungsmache aus dem Land des Atomstroms tatsächlich finanzieren sollten: Frankreich will die Laufzeit für seine AKW auf 50 Jahre verlängern, übrigens auch für die direkt an der deutschen Grenze stehenden.

Offensichtlich also, dass die Energiewende nach französischer Lesart unangenehme Nebenwirkungen haben muss!

Kurz nach den „Nebenwirkungen der Energiewende“ zeigte das ZDF übrigens die Dokumentation „Strahlendes Comeback – Rettet Atomkraft das Klima?“.

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Die Welt: Das Lied der Lobby singen

Jetzt müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen: Die soziale Marktwirtschaft geht vor die Hunde!

Herausgefunden hat das die Tageszeitung Welt, die unter folgender Überschrift berichtet:

Es geht den „Top-Ökonomen“ nicht um die milliardenschweren Folgen, die der Klimawandel für die Wirtschaft mit sich bringt. Allein für die deutsche Volkswirtschaft ermittelte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Schäden in Höhe von 800 Milliarden Euro in den kommenden 50 Jahren. Leider verschweigt die Welt in ihrem Bericht diese enorme Summe. Sie präsentiert leider auch keine andere Abschätzung zu den ökonomischen Folgen der Klimaerhitzung. Die Welt lässt diesen Aspekt leider einfach unter den Tisch fallen.

Stattdessen warnt die Welt warnen die „Top-Ökonomen“ in der Welt vor dem „Klima-Primat“:

Es geht um die geplante Klimapolitik der EU. Die Europäische Kommission wolle „den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der Corona-Krise mit einer ‚grünen‘ Investitions-, Wettbewerbs-, Währungs- und Finanzpolitik“ betreiben, schreibt die Welt. Und das sei gefährlich: Allein in Deutschland hätten sich „die umweltpolitischen Beihilfen von circa fünf Milliarden Euro im Jahr 2013 auf 40 Milliarden Euro im Jahr 2018 ungefähr verachtfacht“.

Leider geht die Welt darüber hinweg, dass der Markt die Chance hatte, das Problem zu lösen. Das Springerblatt verschweigt leider, dass „staatliche Regulierungen und Fehlsteuerungen“ den Ausbau der erneuerbaren Energien seit Jahren immer stärker bremsen. Stattdessen schreibt die Welt:

Merkwürdig ist, dass die soziale Marktwirtschaft bislang nicht gefährdet war: Mit 46 Milliarden subventionierte die Regierung die deutsche Kohle-, Öl- und Gaswirtschaft jedes Jahr. Leider erwähnt die Welt diese Summe nicht – obwohl sie doch größer ist als jene, wegen der nun die soziale Marktwirtschaft den Bach runterzugehen droht.

Das Umweltbundesamt – als Regierungsbehörde unverdächtig der Parteinahme – summierte in seiner Analyse die umweltschädlichen Subventionen in der Bundesrepublik gar auf 57 Milliarden Euro pro Jahr. 90 Prozent davon seien kontraproduktiv für das Pariser Klimaschutzabkommen, das einst auch die Kommentatoren der Welt lobpreisten. Leider stellt die Zeitung heute diesen Zusammenhang nicht mehr her: Die EU-Kommission will mit ihrem Green Deal doch lediglich ihre Verpflichtung aus dem Paris-Abkommen erfüllen.

Diese „grüne“ Wirtschafts- und Finanzpolitik der EU gefährdet also die soziale Marktwirtschaft?! Leider vergisst die Welt zu analysieren, wer eigentlich die zitierten „Juristen und Top-Ökonomen“ sind. Zwar nennt die Zeitung ihre Quelle:

Leider aber lässt die Welt ihre LeserInnen im Unklaren, wer sich dahinter verbirgt.

Wer Lobbypedia befragt – die Lexikonseiten von LobbyControl –, erfährt, dass sich in der „Stiftung Familienunternehmen“ 500 der größten deutschen Familienkonzerne zusammengeschlossen haben, etwa 0,02 Prozent aller rund 2,3 Millionen Unternehmen in Familienbesitz. Die Kuratoren der Stiftung sind Superreiche wie Johannes Kärcher (Alfred Kärcher), Edwin Kohl (Kohlpharma), Ferdinand Fürst zu Castell-Castell oder Nicola Leibinger-Kammüller (Trumpf), Vertreter und Vertreterinnen von Großunternehmen wie Haniel, Henkel oder Theo Müller („Müllermilch“).

Leider erwähnt die Welt mit keinem Ton, dass die „Stiftung Familienunternehmen“ eine Lobbyorganisation ist – und leider verschweigt die Zeitung auch, was deren Interessen sind: die Senkung der Erbschaftssteuer zum Beispiel, das Verhindern einer Reichensteuer und jetzt eben das Verhindern von gewinnschmälerndem Klimaschutz.

Die „Stiftung Familienunternehmen“ schreibt:

Die Welt schreibt nur ab, ohne den Gehalt mit externem Sachverstand zu prüfen, leider:

Keine Gegenfrage. Kein Faktencheck. Keine Objektivität. Das hat mit Journalismus nichts mehr zu tun. Das ist leider nur noch Erfüllungshilfe für die Lobbyisten.

Herzlichen Dank an Martin F. W. aus Berlin für den Hinweis


 

Bill Gates: Den Teufel mit Beelzebub austreiben

Mit 137 Milliarden US-Dollar zählt William „Bill“ Henry Gates zu den reichsten Menschen der Welt. Gates, der 1975 die Firma Microsoft begründete, versteht sich aber nicht nur auf Computer, sondern auch als Visionär.

Deshalb hat er jetzt ein Buch geschrieben:

Im Vorwort lesen wir:

Aber Bill las Bücher, traf sich mit Wissenschaftlern, besuchte Video-Vorlesungen von Professor Richard Wolfson und kam gemeinsam mit seiner Frau Melinda und ihrer Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung „über Umwege“ zum Thema, wie er schreibt.

„Nach einigen Jahren war ich von drei Tatsachen überzeugt“, heißt es auf Seite 15 des neuen Buches: „1. Um eine Katastrophe zu verhindern, müssen wir auf null kommen.“ Gemeint ist damit die Treibhausgas-Produktion der Welt, die Gates bei aktuell 51 Milliarden Tonnen verortet. “2. Wir müssen die Tools, die wir schon haben – etwa Sonnen- und Windenergie –, schneller und klüger zum Einsatz bringen.“ Drittens schließlich, schreibt Bill Gates, brauchen wir „bahnbrechende Technologien“, mit denen wir „den Rest des Weges schaffen können“.

Zum Beispiel die Atomkraft. „Ich habe ein Unternehmen, das wir nur aus Gründen des Klimaschutzes auf die Beine gestellt haben und das eine Konstruktion für supersichere Kernkrafttechnologie entwickelt hat“, erklärt Gates. Es müsse darum gehen, die Menschen zu überzeugen, dass die neue Atomkraft anders sei als zuvor– kleiner skaliert, sicherer und weniger Atommüll erzeugend.

Das hat ein gewaltiges Rauschen erzeugt, schließlich hatte der Visionär schon einige richtig wegweisende Visionen. Gerauscht hat es zum Beispiel bei NTV, Handelsblatt, Zeit und den Nachrichtenagenturen epd, dpa und AFP:

Unterstellen wir einmal, es gelänge den milliardenschweren Breakthrough Energy Ventures von Bill Gates, sichere Atomkraftwerke herzustellen: Was wird mit dem Atommüll? Seit 70 Jahren wird eine Lösung gesucht, weltweit steht man noch ganz am Anfang.

In Deutschland versucht eine Fachkonferenz gerade die Kriterien für ein Endlager zu ermitteln, 1 Million Jahre muss dieses den tödlichen Strahlenabfall sicher verwahren. Um ein Gefühl für diesen Zeitraum zu bekommen: Das älteste bekannte Grab, in dem ein Mensch auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik begraben wurde, stammt aus dem Jahr 18.600 vor Christus.

Allein in Deutschland liegen bereits mehr als Zehntausend Tonnen Atommüll in unsicheren Zwischenlager-Hallen und Kavernen. Verpackt ist dieser Müll in Castoren, von denen niemand sagen kann, ob sie in den nächsten 20 Jahren nicht durchgerostet sind. Wer hierzulande eine Frittenbude betreiben möchte, muss zuerst einen Nachweis erbringen, wie er das abgebrannte Frittenfett zu entsorgen gedenkt. Die Atomkraft ist dagegen gestartet, ohne ihre Landebahn zu kennen: Das Problem des Atommülls braucht sich hinter dem des Klimawandels nicht zu verstecken.

Sicherlich, die Brütertechnik zeichnet sich durch einige Vorteile aus, sie könnte sogar helfen, etwas von dem Atommüll, den es heute gibt, abzubauen. Aber mal abgesehen davon, dass die Atomkraft exorbitant teuer geworden ist und kleinere Reaktoren noch teurer werden als große (weil die kleinen Sicherheitskonzepte benötigen wie die großen), mal abgesehen, dass es Terroristen gibt, die auch ein sicheres Atomkraftwerk zur Weltzerstörung nutzen können, und mal ganz davon abgesehen, dass Atomstrom mitnichten frei von Treibhausgasen ist – ohne Atommüll zu produzieren, lässt sich kein AKW betreiben. Das bedeutet: Wer den Klimawandel mit Atomstrom zu Leibe rücken will, der treibt den Teufel mit Beelzebub aus.

Schlagen wir noch einmal im neuen Buch von Bill Gates nach:

Wir hoffen hiermit unseren Beitrag leisten zu können und weisen darauf hin, dass die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert funktioniert. Wenn Sie, Mr. Gates, und jeder andere Leser auch, Erkenntnis gewonnen haben, unterstützen Sie bitte unsere Arbeit HIER


 

SPD: Die alte Leier

Es gibt guten Grund, sich an jenen Klimaschutz zu erinnern, mit dem die deutschen Sozialdemokraten zur Lösung des globalen Problems der Erderhitzung beigetragen haben.

Zum Beispiel an Matthias Platzeck, in den 2000er Jahren Parteichef der SPD: Der hielt Treibhausgas-Reduktion hierzulande für so wichtig wie den Sack Reis, der in China umfällt, wie er in einem Interview mit der Super Illu erklärte:

Oder erinnern wir uns an Andrea Nahles, SPD-Chefin bis 2019. Nahles erklärte noch vor zweieinhalb Jahren in einem Interview:

Erinnern sollten wir uns an Sigmar Gabriel, auch Parteichef, zudem Bundesumwelt- und Bundeswirtschaftsminister, der mit ideologischer Verblendung zu kämpfen hatte. Zumindest warf ihm das die SPD vor, etwa in Person der Landeschefs von Brandenburg und Sachsen:

Man könnte hier an den Wahlkampf 2017 in Nordrhein-Westfalen erinnern, in den die SPD mit dem Slogan zog: „Wir brauchen die Braunkohle noch lange, um mit ihr die Energiewende zu bewältigen.“ Wir könnten auf den  „Deutschland-Plan“ hinweisen, mit dem der Sozialdemokrat Frank-Walter Steinmeier einst als Spitzenkandidat in den Wahlkampf zog. Unbedingt muss an das Schwarzbuch Kohle (und das Schwarzbuch Kohlepolitik Spezial) erinnert werden, in dem Greenpeace eine irre Verquickung der Sozialdemokraten mit dem Kohlebusiness aufdeckte.

Wir könnten es aber auch mit einer Regel halten, die Albert Einstein zugeschrieben wird: „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“

Die Zukunft sieht bei der SPD so aus:

Sozial. Digital. Klimaneutral. Klingt gut! Vielleicht kriegt die SPD ja diesmal die Kurve, um – statt ewig Gestriges zu vertreten – endlich jene Zukunft zu gestalten, in der wir zu leben gedenken.

Schauen wir uns an, was für Zukunftsmissionen die SPD jetzt auf den Weg bringt.

In Mecklenburg-Vorpommern hat Regierungschefin Manuela Schwesig (SPD) gerade die Stiftung Klima- und Umweltschutz MV“ gegründet. Derzeit ist die Postanschrift identisch mit der des Vereins Deutsch-Russische Partnerschaft:

Das ist ganz praktisch, denn in Mecklenburg-Vorpommern soll ja die Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 aus Russland anlanden. „Wir haben schon immer die Auffassung vertreten, dass die Ostsee-Pipeline zum Klimaschutz gehört“, erklärte Manuela Schwesig.

Pardon, Frau Schwesig (auch mal SPD-Bundesvorsitzende), die Gasröhre transportiert doch fossilen Brennstoff nach Deutschland – was bitteschön hat das mit Klimaschutz zu tun?

Gerade wurde bekannt, dass SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz als Finanzminister eine Milliarde Euro Steuergeld ausgeben will, um Häfen für verflüssigtes Erdgas (etwa aus den USA) in Norddeutschland zu bauen – sogenannte LNG-Terminals –, wenn die Amerikaner dafür bei Nord Stream 2 Ruhe geben.

Rechnen wir zusammen: Erdgas aus der Pipeline + Erdgas aus Übersee = SPD-Klimaschutz!

Sozial? Digital? Klimaneutral? Es ist die alte Leier: Die SPD weiß nicht, wovon sie spricht. Gerade erst warnten Forscher wieder vor Investitionen in die Erdgas-Infrastruktur. Der Klimaschutz würde dadurch für Jahrzehnte zurückgeworfen.

So wie natürlich auch die SPD, die bei den nächsten Wahlen danach lechzt, neuerlich von den Wählern abgestraft zu werden.

P.S.: Zehn Wahlen soll es 2021 hierzulande geben, der Komplex Klimaschutz spielt mittlerweile eine wichtige Rolle im Wahlkampf. Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert. Noch aber fehlen uns einige Euros, um die Recherche auch im Superwahljahr 2021 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


 

Klimaziel: Die richtige Interpretation des „bis“

Jubel, Tusch, hurra! Das neue Jahr geht gleich richtig gut los:

O.k., bei genauerer Prüfung der Meldungslage müssen wir den Jubel ein bisschen dämpfen. Grund ist ja nicht Klimaschutz, sondern Corona:

Geplant war, dass die Bundesrepublik ihren Treibhausgasausstoß bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 senkt. Jahrelang hatten Experten erklärt, dass das nichts wird, hier zum Beispiel jene vom Thinktank Agora Energiewende. Doch nun heißt es plötzlich bei Agora:

„Infolge der Corona-Pandemie sind die Treibhausgasemissionen Deutschlands im Jahr 2020 erheblich zurückgegangen. Sie lagen um 42,3 Prozent unter den Emissionen des Referenzjahres 1990. Der Treibhausgasausstoß sank somit unter die Marke des Klimaschutzziels für 2020 von 40 Prozent.“

Aber bedeutet das wirklich, dass Deutschland sein Klimaziel für 2020 geschafft hat? Schauen wir doch noch einmal in den Koalitionsvertrag von 2009, in dem dieses Ziel von den handelnden Personen festgeschrieben wurde:

Ups! 40 Prozent weniger bis 2020? Das heißt aber doch nicht bis 2021?

Wer seine Steuererklärung bis zum 1. Januar 2020 beim Finanzamt einreichen musste, der hatte dafür exakt bis 23.59 Uhr am 31. Dezember 2019 Zeit, danach wurden Strafgebühren fällig. „Bis“ wird im Deutschen als Präposition eingesetzt zur Bezeichnung des Endpunkts eines zeitlichen oder räumlichen Geschehens.

Was lesen wir im Koalitionsvertrag von 2013?

Dieses „bis 2020″ ist seitdem immer und immer wieder in vielen Beschlüssen formuliert worden. Ist es also egal, wie Corona unsere Emissionen gesenkt hat?

Rat holen wir uns beim Umweltbundesamt, das für das Nationale Treibhausgasinventar Deutschlands zuständig ist. In diesem Inventar werden alle Emissionen aufgeschlüsselt, die an das Klimasekretariat der UNO gemeldet werden müssen – damit überprüft werden kann, ob Deutschland seine Zusagen zur zweiten Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls einhält.

Und es wird jetzt diffizil: Deutschland hat seine Pflichten zu dieser zweiten Periode zwar ratifiziert – also in nationales Recht umgesetzt. Aber es gibt für Deutschland im Kyoto-Protokoll gar kein nationales Ziel: Die Bundesrepublik wird als Mitglied der EU veranlagt. Und ganz wichtig: Diese zweite Verpflichtungsperiode geht von 2013 bis 2020. Und mit 2020 ist in diesem Falle das Berichtsjahr 2020 gemeint – also tatsächlich die Treibhausgasproduktion des Jahres 2020.

Agora und die Medien haben also recht? Dirk Günther, der beim Umweltbundesamt zuständig ist, kann das nicht bestätigen. Dem Klima-Lügendetektor sagte Günther: „Wir arbeiten gerade an der Vorjahresschätzung, die wir am 15. März veröffentlichen wollen.“

Immerhin hier ist das Wort „bis“ absolut eindeutig: Bis diese erste, grobe Emissionserhebung für das abgelaufene Jahr nicht veröffentlicht ist, bleibt die Frage nach dem Klimaziel für 2020 Spekulation.