INSM: Kirschenpflücken gegen die Energiewende

Falls Sie mal täuschen wollen, ohne zu lügen, haben wir einen Tipp für Sie: Versuchen Sie es mit Rosinenpickerei! Suchen Sie aus einem großen Fakten-Teig exakt die kleinen Stückchen heraus, die Ihren Vorlieben besonders entsprechen. In der englischen Variante dieser Redewendung werden nicht Rosinen gepickt, sondern Kirschen. Dort spricht man daher von „Cherry Picking“. Die Website SkepticalScience.com, die sich mit Lügen der Klimaleugnerszene beschäftigt, hat diese Argumentationsstrategie mal mit einem hübschen Bild illustriert:

An diesem Baum hängen blaue Kirschen! Oder? Ist das gelogen??

Ein hübsches Beispiel für „Cherry Picking“ liefert gerade die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) – genau, das ist diese pro-kapitalistische Lobbygruppe von Wirtschaftsverbänden, die seit anderthalb Jahrzehnten mit durchaus peppigen PR-Kampagnen für die Interessen von Unternehmen wirbt. Als „Lautsprecher des Kapitals“ hat Die Zeit die INSM mal bezeichnet.

„Die Fehler der Energiewende … und wie sie dennoch gelingen kann“, lautet also der Titel einer aktuellen Kampagne. Auf der INSM-Website findet sich dazu eine sogenannten „Faktensammlung“, die man sich auch als PDF herunterladen kann. Aber komischerweise ist bei den „11 Fakten“ in der Broschüre dann gar nicht mehr die Rede von dem, was ganz groß auf der Startseite der Kampagne steht: „… und wie sie dennoch gelingen kann“. Wir sind ja durchaus neugierig auf Vorschläge für eine bessere, schnellere, preiswertere, die CO2-Emissionen schneller senkende Energiewende – nur lesen wir dazu in der Broschüre irgendwie nichts.

Irgendwo auf der INSM-Website findet sich dann doch noch etwas: nämlich ein Plädoyer für – ja, genau – mehr „Marktwirtschaft“. Im Kern präsentiert die Unternehmenslobby hier etwas, was sie schon vor fünf Jahren mit einer anderen Kampagne propagierte: den Umstieg der Energiewende-Förderung auf ein Quotenmodell. Und schon damals wiesen wir darauf hin, was die INSM ausblendet: Ein solches Modell würde vor allem den großen Energiekonzernen nützen – und kam in Ländern, in denen es eingeführt wurde, deutlich teurer als das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).

Doch zurück zum Kirschenpflücken, äh, zur Broschüre der INSM mit „Fakten zur Energiewende“. Wirkliche Lügen haben wir darin nicht gefunden – was auch verwunderlich wäre, denn die Initiative beziehungsweise ihre Agentur sind natürlich PR-Profis. Aber wir sind schon über etliche blaue Kirschen gestolpert. Hier nur drei Beispiele:

„Fakt 1″ jammert, die Energiewende werde teuer (wobei das eigentlich der einzige Punkt ist, auf dem die ganze Kampagne und alle elf „Fakten“ herumreiten). Dazu gibt es eine Horrorzahl („520 Milliarden Euro“) und eine Tortengrafik:

Relativ unauffällig darunter steht, dass diese Zahl lediglich eine „Prognose“ ist. Sie stammt aus einer „Studie“, die von der INSM selbst in Auftrag gegeben wurde – und die sicherlich ganz fair und ausgewogen ausfiel und zum Beispiel gegen tatsächliche Kosten der Energiewende gegengerechnet hat, welche Vorteile aus ihr resultieren, etwa die milliardenschwere Ausgabenersparnis beim verringerten Import von Erdöl, Kohle und Gas (laut Bundeswirtschaftsministerium bereits heute 5,8 Milliarden Euro pro Jahr). Außerdem gehört zur Gesamtbilanz des EEG, dass im Gegenzug zur zunehmenden EEG-Umlage der Börsenstrompreis rapide gefallen ist – die Summe aus beiden also mitnichten so stark stieg.

Und wir hätten es ja neben der Grafik zu den EEG-Kosten auch noch ganz spannend gefunden, ein paar Zahlen dazu zu nennen, was in der Bundesrepublik für Strom aus Atomkraft oder fossilen Energieträgern ausgegeben wurde und wird. Greenpeace kam – allein für Atomstrom – schon im Jahr 2010 auf mehr als 300 Milliarden Euro. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) subventionierte die Bundesrepublik allein Öl, Gas und Kohle im Jahr 2015 mit 49,2 Milliarden Euro. Und dass die Atomkraft in Deutschland ein volkswirtschaftlich sagenhaft schlechtes Geschäft war, hat auch die gewiss nicht unternehmensfeindliche Wirtschaftswoche vor einem Jahr vorgerechnet.

Hat man das im Blick, sieht der Kirschbaum schon ein wenig anders aus.

Oder nehmen wir „Fakt 5″ – da beklagt die INSM, die Industrie finanziere „einen großen Teil der Energiewende“:

Das mag ja stimmen – aber wie groß genau ist denn der Anteil der Industrie an den Kosten der EEG-Umlage?? (Dass diese gar nicht gleichbedeutend ist mit den Kosten der Energiewende, lassen wir hier mal beiseite.) Die INSM-Grafik beantwortet die Frage jedenfalls nicht – denn sie zeigt (in Rot natürlich) lediglich den Stromverbrauch der Industrie. Sie verschweigt dabei, dass die Industrie (und am stärksten die energieintensiven Industrien) viel niedrigere Umlagen auf den verbrauchten Strom zahlen als private Haushalte oder kleine Gewerbetreibende. Wie viel die Industrie wirklich zur EEG-Umlage beiträgt, zeigt hingegen diese Grafik der Kollegen vom Strom-Report:

Obwohl sie viel mehr Strom verbraucht als Privathaushalte oder Handwerk und Gewerbe (siehe obere Grafik), zahlt die Industrie viel weniger EEG-Umlage (siehe untere Grafik).

„Fakt 10″ schließlich behauptet, das EEG „verhindert Technologiewettbewerb“. Das klingt, als behindere das bisherige Fördersystem die Weiterentwicklung der Erneuerbaren. Als Beispiel wird die Photovoltaik herangezogen und in einer Grafik wird gezeigt, dass „viele Solaranlagen“ angeblich „wenig Strom“ erzeugen.

Nun ja, dass Solarzellen nur Strom liefern, wenn die Sonne scheint (und dass die Sonne zum Beispiel nachts nicht scheint), ist so banal, dass wir keine millionenschwere INSM brauchen, um das bekanntzumachen. Und natürlich sollte man immer darüber nachdenken, wie eine Überförderung einzelner Technologien oder besonders lukrativer Standorte für Solar- oder auch Windkraftanlagen verhindert werden kann.

Zum Gesamtbild gehört aber auch, dass der massive Ausbau der Photovoltaik in Deutschland maßgeblich zum beispiellosen Sturz der Kosten für Solarenergie beigetragen hat: Die massenhafte Installation von Photovoltaik-Modulen ließ die Produktionsmengen explodieren und die Preise fallen, inzwischen ist Solarstrom nahezu oder bereits vollständig konkurrenzfähig mit konventionellen Kraftwerken. Von „Deutschlands Geschenk an die Welt“ ist bereits die Rede. Und die US-Wirtschaftsagentur Bloomberg titelte vor gut zwei Jahren: „Thank Germany for Falling Prices of Solar Panels and Wind Turbines“.

Also, liebe INSM, wir sehen eine ganze Menge rote Kirschen am Baum!

P.S. vom 15. März 2017: Grad stolpern wir über noch ein schönes Zitat zum großen Sinn der deutschen Energiewende und ihrer Kosten, diesmal im US-Wirtschaftsmagazin Forbes: „Dank der großzügigen Vorleistungen Deutschlands zieht heute eine ganze Reihe von Staaten mit – von den USA über China bis Indien – und installiert Solar- und Windkraft im großen Stil. Wenn die erneuerbaren Energien am Ende maßgeblich dazu beitragen den Klimawandel zu bremsen, dürfte die Geschichte die Energiewende als bemerkenswertes Beispiel einer globalen Führungsrolle beurteilen.“